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Keine Stimme für “Wir wollen lernen”

27. Oktober 2009

Hier ein Follow-Up zum Thema Flashmob/Wir wollen lernen: Die FSRe Erziehungswissenschaften der Uni Hamburg haben am Montag eine Erklärung zum gegen das „Wir wollen lernen“- Volksbegehren und den Landen insgesamt veröffentlicht. Die findet ihr hier ungekürzt dokumentiert und als PDF (außerdem: sehen wir genauso!), zudem ein Link zur (zu positiven) Abendblatt-Berichterstattung von Montag.

Und denkt dran: Flashmob Morgen, 17 Uhr, vor dem Burger King Haus in der Mönckebergstraße!

Hier jedenfalls die Presseerklärung der Fachschaftsräte Erziehungswissenschaft:

Keine Stimme für “Wir wollen lernen”

Mit der Kampagne “Wir wollen lernen” wird per „Volksbegehren“ versucht, die von der schwarz-grünen Landesregierung initiierte Reform der Hamburger Schulstruktur aufzuhalten. Jegliche Tendenz zum längeren gemeinsamen Lernen oder gar der Überwindung des mehrgliedrigen Schulsystems soll schon im Keim erstickt werden. Initiator der elitären Kampagne ist Hobby-Pädagoge Dr. Walter Scheuerl, seines Zeichens Rechtsanwalt bei der Großkanzlei Graf von Westphalen aus Blankenese und Elternsprecher an einem Hamburger Gymnasium.

An die Stelle einer fundierten kritischen Auseinandersetzung bspw. mit dem Für und Wider der Sortierung von Kindern auf verschiedene Schulformen, setzen die wohlbetuchten Macher Geld. Extra für die Kampagne wurde die Firma “Frank Solms Nebelung Consulting” engagiert, ihres Zeichens „Gesellschaft für Krisen- und Veränderungskommunikation“, und ein Kampagnenbüro in  bester Innenstadtlage eröffnet. Mit einem Volksbegehren als demokratisches Engagement der Bevölkerung hat das nur wenig zu tun.

Mit einer kalkulierten Mischung aus Panikmache und völlig haltlosen Behauptungen betreiben Scheuerl & Konsorten billige Propaganda um ihr soziales Bildungsprivileg  in Form des Heiligtums Gymnasium zu retten.

So wird z.B. in einer ekelhaften Verdrehung von Tatsachen propagiert, dass die Einführung von Stadtteilschulen die soziale Spaltung in der Stadt verschärfen würde. Das mehrgliedrige Schulsystem wird zugleich als Ausdruck erhaltenswerter “Bildungsvielfalt” dargestellt. Dabei ist in einer Vielzahl von Studien nachgewiesen worden, dass das deutsche Schulsystem eben wegen seiner Mehrgliedrigkeit weltweit eines der sozial selektivsten ist. Bereits die PISA-Studien hatten belegt, dass die Wahrscheinlichkeit eines Gymnasiumbesuchs für ein Akademikerkind in Deutschland etwa siebenmal so hoch wie jene eines Facharbeiterkindes ist. (Selbst bei gleicher individueller Lese- und Mathematikkompetenz betrug dieses Verhältnis noch 4 zu 1.) In seinem Bericht als UN-Sonderberichterstatter für das Menschenrecht auf Bildung, stellte Vernor Muñoz 2007 fest, dass die frühe Selektion im deutschen Schulsystem sowieso schon benachteiligte Kinder zu doppelt benachteiligten macht. Kinder aus sozial schlechter gestellten Schichten, Kinder mit Migrationshintergrund und Kinder mit Behinderungen werden systematisch benachteiligt und diskriminiert. Diese massive Ungleichheit als Bildungsvielfalt zu rechtfertigen, ist schlicht zynisch!

Hier scheint die High Society angesichts einer Zusammenlegung der Schülerinnen und Schüler verschiedener Lernstufen und sozialer Herkunft geradezu angewidert zu sein. Aber diese Reaktion hat Tradition: Schon 1920 war die Einführung der gemeinsamen Grundschule an Stelle der von vornherein geteilten Vorstufen der Volksschule und des Gymnasiums mit viel Widerstand aus der elitären Schicht verbunden.

Die Überwindung des bestehenden Schulsystems hin zu einem inklusiven Schulsystems, in dem sich SchülerInnen in solidarischen Lernformen gegenseitig in der Entwicklung unterstützen und nicht aufgrund von scheinobjektiven Leistungsunterschieden selektiert werden, ist dringend erforderlich. Der Schritt, der mit der aktuellen Schulreform in Hamburg getan wird, ist zwar letztlich ein halbherziger Kompromiss zwischen CDU und GAL, bleibt aber ein – wenn auch unzureichender – Schritt in eine pädagogisch sinnvolle Richtung. Die Forderung der Initiative „Wir wollen lernen“ nach Konservierung des Status Quo gilt es daher entschieden zurückzuweisen.

Die Fachschaftsräte Erziehungswissenschaft rufen daher dazu auf, der Kampagne „Wir wollen lernen“ keine Stimme zu geben und sich auf allen Ebenen für die Verwirklichung eines inklusiven Bildungssystems einzusetzen.

Quelle: http://webapp5.rrz.uni-hamburg.de/fsr-db/wordpress/?p=524

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