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Unkommentiert: „Ein Vorschlag zur Güte an die protestierenden Studenten (und ihre Gegner)“

13. Dezember 2009

Von Michael Seiler

Eine Frau Wintermantel, so was wie die oberste Verwaltungsverwalterin der deutschen Universitäten, hat erklärt: „Auf den Arbeitsmärkten wächst die Akzeptanz der Bachelor- und Masterabsolventen.“ Das, meint sie, sei ein Erfolg.

Ja ist es, und zwar für die Durchsetzung vollkommener geistiger Verwirrung in Bezug auf das, was man in Europa unter „Bildung“ versteht. „Bildung“ ist für Leute wie Wintermantel nichts anderes und nicht mehr als ein Arsenal von Fertigkeiten, die der Mensch braucht, um als Arbeitskraft eingesetzt werden zu können. Idealtypisch verkörpert ist diese Ideologie in der Durchsetzung der „Wirtschaftswissenschaften“, im engeren Sinne der Betriebswirtschaftslehre (die nicht umsonst „Lehre“ heißt) , als Leitdisziplin aller akademischen Zweige und Richtungen. Niemand traut sich mehr zu fragen, was diese Schulung in den Dogmen der Geldreligion an einer Universität zu suchen hat, seit mehr Menschen BWL „studieren“ als irgendein anderes Fach, seit Menschen Dingsbumsklimbim wie „Sporteventmarketing“ für akademisch halten, so etwas den Künsten, der Literatur, Sprachen, Philosophie, Musik, Historiographie etc. gleichsetzen und meinen, man könne diese ebenso in ein paar Jahren wie in einer Schule „lernen“ und den Lernerfolg mit einem „Bachelor“-Abschluss nachweisen, um dann loszustarten und sich verwerten zu lassen.

Um das klarzustellen: es ist völlig verständlich und im Sinne der kapitalistischen Logik zwangsläufig, dass Firmen und Konzerne möglichst gut ausgebildete Arbeitskräfte haben möchten. Aber uns (alle), als Gesellschaft, geht das überhaupt nichts an. Wenn jemand Menschenmaterial zum Ausbeuten braucht, soll er sich das gefälligst selbst heranziehen. Oder sagen wir’s ein bisschen milder: Wer ein Studium als Ausbildung (zum Ausüben eines Berufs) begreift, der ist ein Auszubildender und kein Student (und darf sich nach Ende seiner Ausbildung gerne „Meister“ nennen, wie das in anständigen Berufen seit langem üblich ist – wohingegen der Titel „Bachelor“ – „Junggeselle“ – die schreiende Lächerlichkeit der ganzen skandalösen „Reform“ belegt). Das meine ich nicht im Geringsten überheblich; es ist nur eine notwendige Abgrenzung. Ein Studium hat keinen „Zweck“ und per se auch kein Ziel, nur das, sich zu bilden um kritisch denken, reflektieren, sich äußern und andere Menschen anregen und lehren zu können. Das wiederum geht die Industrie, den Handel und andere Gewerbe nichts an, im Gegenteil: Es läuft ihnen im Normalfall zuwider. Deshalb gehen sie dagegen vor, indem sie sich die Universitäten unter den Nagel reißen, sie zu Berufsschulen umbauen und mit Depperldisziplinen überschwemmen, die man möglichst gut kontrollieren, normieren und zur Heranziehung von arbeitsfähigem Humanmaterial nutzen kann.

Der derzeitige Konflikt an den Universitäten wäre also ganz einfach zu lösen: durch die Gründung neuer, staatlicher Institute, die ausschließlich für die zugänglich sind, die studieren wollen. Solche Menschen brauchen wir alle, als Gesellschaft deshalb sollte ihr Studium selbstverständlich kostenlos sein; man könnte ihnen auch eine Art Bildungsgehalt zahlen, damit sie sich geistig betätigen können und nicht gezwungen sind, nebenbei zu arbeiten. Die derzeitigen „Hochschulen“ kann man dann der Wirtschaft übergeben, damit sie sie nach Belieben zur Ausbildung von Arbeitskräften nutzt. Dafür gibt es selbstverständlich vom keinen einzigen Cent vom Staat. Wenn die Wirtschaft eine möglichst gut verwertbare Ausbildung möchte, soll sie selbst dafür aufkommen – sie steckt ja hinterher auch die Profite ein. Dass sie diese an den Börsen verklappt und dafür die Regierungen Studiengebühren kassieren lässt, dass selbige Regierungen die Studiengebühren dann dafür missbraucht die Steuern der Großverdiener zu senken und andererseits ein bürokratisches Monstrum wie die Bafög-Behörden schaffen, um per Almosen, Leihgabe und Augenwischerei den Eindruck zu erwecken, ihnen sei daran gelegen, Kindern anderer Klassen als der der Besitzenden und Bestimmenden ein Studium oder wenigstens eine elitemäßige Berufsausbildung zu ermöglichen macht den ganzen Circus vollends zur Farce.

Der Konflikt an den und um die Universitäten, der sich derzeit endlich und vollkommen legitim in Demonstrationen, Besetzungen und anderem entlädt (und dies hoffentlich weiterhin tun wird), hat also über den Vordergrund hinaus nicht das geringste mit „Bachelor“, „Master“ und anderem Bologna-Pipifax zu tun, auch nicht mit minimalen Erhöhungen der Bafög-Almosen und der (selbstverständlich absolut notwendigen) Abschaffung der Studiengebühren. Wer damit nicht einverstanden ist, dem wird es auf die Dauer nichts helfen, zu fordern, die Heizung aufzudrehen, nachdem die Hauswände eingerissen worden sind. Mag sein, dass es davon in der Ruine vorübergehend ein bisschen wärmer wird – aber nur so lange, bis der letzte Brennstoff verbraucht ist. Anders gesagt: Wer nicht damit einverstanden ist, dass wirkliche Bildung und kritisches Denken vollständig aus Europa verschwinden und ersetzt werden durch eine totale Ökonomisierung des menschlichen Lebens, der wird früher oder später nicht darum herkommen, die Systemfrage zu stellen. Und die lautet: Wie wollen wir leben? Oder, erst einmal: Wollen wir wirklich weiterhin und immer noch radikaler so „leben“? Und: Wer hat eigentlich bestimmt, dass wir so leben müssen, und wer profitiert davon?

Quelle: http://unsereunibrennt.de/content/ein-vorschlag-zur-g%C3%BCte

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One Comment leave one →
  1. 14. Dezember 2009 16:14

    Grossartige Erfassung des „Problems“ – die Antwort auf „Worum gehts eigentlich?“.

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